|
Luftsack- und Grabmilben
Luftsackmilben Von Natur aus sind viele im Haus gehaltene Vogelarten ausgesprochene Hochleistungs- und Langstreckenflieger. Die Tiere verfügen daher über ein extrem effizientes Atmungssystem, das ihren Körper während des anstrengenden Fluges mit einer ausreichenden Menge Sauerstoff versorgt. Neben den Lungen, die bei Vögeln zum Sauerstoffaustausch dienen, haben die Tiere so genannte Luftsäcke, die im Körper liegen und als Sauerstoffreservoir zur Verfügung stehen.
Da es sich bei den Luftsäcken um Hohlräume im Körper des Vogels handelt, sind diese prädestiniert für den Befall mit Parasiten. Mit ihrer Körpergrösse von nur 0,7 mm ist die Luftsackmilbe (Sternostoma tracheacolum) für das menschliche Auge nahezu unsichtbar. Im feuchtwarmen Milieu der Luftröhre sowie der Luftsäcke fühlen sich diese kleinen Parasiten wohl. Sie vermehren sich rasch, wenn man nicht mit Medikamenten gegen sie vorgeht. Ein starker Befall mit Luftsackmilben führt bei betroffenen Vögeln schnell zum Erstickungstod.
Zu Beginn eines Befalls mit Luftsackmilben hören Vögel fast unmerklich auf zu singen, dann pfeifen sie immer weniger und klingen schliesslich heiser. Im weiteren Verlauf des Befalls stellen sich erhebliche Atemprobleme ein, die mit Schwanzwippen aufgrund der grossen Anstrengung beim Atmen einher gehen. Insbesondere nachts und bei Anstrengung ? also beispielsweise während des Fluges - kommt es zu knackenden, rasselnden Atemgeräuschen, die in manchen Fällen in ein asthmatisches Pfeifen übergehen. Erkrankte Tiere husten meist minutenlang, weil sie kaum Luft bekommen. Ferner versuchen sie oft, die sie quälenden Parasiten aus eigener Kraft loszuwerden, sie wollen sie auszuwürgen. Dabei schütteln die Vögel den Kopf unmittelbar nach den Würgbewegungen, was genau so aussieht, als hätten sie eine Kropfentzündung. Bei einem Befall mit Luftsackmilben tritt jedoch im Unterschied zu einer Kropfentzündung beim Würgen kein Schleim hervor. Im Endstadium der Krankheit ist der Vogel zu schwach zum Atmen und erstickt unter Qualen.
Zwischen der Ansteckung mit den Milben und dem Auftreten der ersten Symptome können Monate vergehen! Sollte man jedoch einen einzelnen Ziervogel besitzen, der über mehrere Jahre allein gelebt hat und keinen Kontakt zu einem anderen Vogel hatte, so ist die Wahrscheinlichkeit äusserst gering, dass er unter einem Befall mit Luftsackmilben leidet, auch wenn er ähnliche Symptome zeigt. Dennoch gehört ein kranker Vogel in jedem Fall zum Tierarzt, der eine sichere Diagnose stellen muss.
Luftsackmilben übertragen sich durch Husten durch die Luft auf in unmittelbarer Nähe sitzende Vögel. Darüber hinaus ist das Trinkwasser einer der Hauptübertragungswege. Falls ein Vogel des Bestandes an einem Luftsackmilbenbefall leidet, ist es daher ratsam, sämtliche Tiere zu behandeln, da sie sich mit grosser Wahrscheinlichkeit über das Trinkwasser angesteckt haben. Trinkgefäße müssen während einer Behandlung besonders sorgfältig gereinigt und desinfiziert werden, auch wenn man nur einen einzelnen Ziervogel hält. Über einen schlecht gereinigten Trinknapf kann er sich anderenfalls trotz einer erfolgreichen Behandlung mit Medikamenten immer wieder selbst anstecken.
Eine Behandlung eines Befalls mit Luftsackmilben ist in Eigenregie nicht möglich! Der erkrankte Vogel stirbt, wenn man ihn nicht schnellstens zum Tierarzt bringt. Um die Milben zu töten, träufelt der Tierarzt dem Vogel ein Medikament in den Nacken beziehungsweise zwischen die Schulterblätter, welches durch die Haut in den Vogelkörper eindringt und für die Milben ein Kontaktgift darstellt. Diese Behandlung sollte dreimal durchgeführt werden: am 1., 5. und 9. Tag der Therapie. Eine merkliche Besserung stellt sich meist schon innerhalb von 24 Stunden nach der ersten Behandlung mit dem Medikament ein.
Dem Menschen können Luftsackmilben in keiner Weise gefährlich werden.
Grab- oder Räudemilben Diese Milbenart, die lateinisch Cnemidocoptes pilae heisst, ist etwa 0,4 mm lang und deshalb für das blosse Auge unsichtbar. Ein Befall mit Räudemilben ist für den Ziervogel mit grossem Juckreiz verbunden. Zu Beginn ist der Befall vergleichsweise harmlos für den Allgemeinzustand des Vogels. Mit der Zeit kommt es durch die Milben zu Haut- und Schnabeldeformationen oder im schlimmen Fällen zum Bruch des Schnabels. Dadurch könnte der Vogel verhungern, denn ist der Schnabel einmal zerstört oder gar abgebrochen, dauert es sehr lange, bis er wieder vollständig nachgewachsen ist. So lange überlebt praktisch kein Vogel, ohne eigenständig fressen zu können.
Grabmilben werden nach aktuellem Erkenntnisstand im Nest bei der Fütterung von den Elterntieren auf ihre Jungen übertragen. Eine Übertragung von einem erwachsenen Vogel auf einen ausgewachsenen Artgenossen gilt als höchst unwahrscheinlich. Es können Jahre vergehen, bis sich die ersten Symptome bei einem Vogel zeigen. Häufig bricht die gelegentlich Schnabelräude genannte Erkrankung zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat bei einem Ziervogel aus, also meist kurz nachdem man das Tier zu sich ins Haus hat. Vor allem Wellensittiche leiden unter Räudemilbenbefall, aber auch bei anderen Vogelarten kommen diese Parasiten vor.
Da man die Milben selbst nicht sehen kann, bemerkt man den Befall meist erst dann, wenn sich die ersten Ablagerungen im Bereich der Schnabelwinkel des Vogels bilden. Diese Ablagerungen sind die Ausscheidungen der Grabmilben, die sich am Ende ihrer winzigen Bohrgänge anhäufen. Räudemilben graben sehr feine Röhren in das Schnabelhorn und in verhornte Hautpartien der Vögel, und ernähren sich von den Körperzellen ihres unfreiwilligen Wirts.
In den meisten Fällen beginnt die Schnabelräude in den beiden Schnabelwinkeln. Dort gibt es einen faltigen Hautbereich, in den sich die Milben besonders leicht eingraben können. Ihre Ausscheidungen führen dazu, dass das Gefieder des Vogels zur Seite absteht. Der Vogel sieht deshalb ein wenig so aus, als würde er ständig schmollen. Diese geringfügige Veränderung in der Gefiederstellung zu bemerken, ist eine hohe Kunst und erfordert eine sehr genaue Beobachtung des Vogels.
Als nächstes befallen die Grabmilben den Schnabel. Mit der Zeit bröckeln einige der borkigen Beläge ab. Man erkennt dann deutlich den von den Milben durchbohrten, porösen Schnabel. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Milben für den Vogel zwar lästig, aber sie stellen keine ernsthafte Bedrohung für sein Leben dar. Wenn der Schnabel aber zu stark von den kleinen Parasiten durchlöchert wird, kann er leicht abbrechen, was für den Vogel nahezu unweigerlich zum Tod durch Verhungern führen würde.
Bevor es so weit kommt, breiten sich die Milben jedoch noch weiter über den Vogelkörper aus. Nach und nach befallen sie den Bereich um die Kloake, die Beine und meist zum Schluss auch die Augengegend. Der erkrankte Vogel kratzt sich unablässig, da die Parasiten einen quälenden Juckreiz verursachen.
Zur Behandlung eignet sich in leichten Fällen gängiges Paraffinöl, das man in jeder Apotheke kaufen kann. Ist nur der Schnabel befallen, reicht es aus, das Schnabelhorn und die Haut in den Schnabelwinkeln zweimal am Tag dünn mit Paraffinöl zu bestreichen. Dafür verwenden man am besten jeweils ein frisches Wattestäbchen. Man muss unbedingt darauf achten, dass der Vogel kein Öl verschluckt, weil er davon Durchfall bekommen würde!
Auch die Kloakengegend sowie die Beine (den so genannten Ständer) kann man mit Paraffinöl behandeln. Die Augengegend sollte man besser nicht mit dem Öl betupfen, weil der Vogel sonst eventuell nichts mehr sehen kann. Mindestens zwei, besser vier Wochen sollte man die Behandlung durchführen, selbst wenn die borkigen Beläge in aller Regel bereits nach wenigen Tagen abfallen. Das Öl erstickt die Milben, da es sich als feiner Film über die Öffnungen der Bohrgänge legt. Dadurch wird den Parasiten die Luft zum Atmen genommen. Dem Vogel schadet das Paraffinöl hingegen nicht, obwohl es mit der Zeit das Gefieder verklebt, was zugegebenermassen nicht wirklich gut aussieht.
Ist der Vogel an den Augen übermässig stark mit den winzigen Parasiten befallen, sollte man ihn besser zu einem Tierarzt bringen. In schweren Fällen wird dieser ein Medikament - meist handelt es sich dabei um Ivomec - einsetzen, das dem Sittich auf den Nacken geträufelt wird. Es zieht in die Haut ein, gelangt in den Organismus des Vogels, lagert sich in dessen Haut und im Schnabelhorn ein und vergiftet so die Milben. Es sei jedoch erwähnt, dass dieses Gift auch für den Vogel nicht gänzlich ungefährlich ist, obwohl es in aller Regel gut vertragen wird. Der Vogelorganismus und das Immunsystem leiden unter dem Gift zwar nicht besonders stark, aber die Behandlung mit Paraffinöl ist dem Einsatz von Gift bei geringem Milbenbefall eindeutig vorzuziehen. Es ist daher wichtig, Grabmilben rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls möglichst schnell zum Tierarzt zu gehen, damit ein Einsatz von Gift gar nicht erst erforderlich wird.
Räudemilben sind für den Menschen glücklicherweise absolut ungefährlich, es besteht keine Ansteckungsgefahr!
|